Interview mit Karin Hirschberger zur Entstehungsgeschichte von PAPPERLAPAPP. Oder warum es so wichtig ist, den Mund aufzumachen. Für Kinder und Erwachsene.

Frau Hirschberger, Sie hatten die Idee zu PAPPERLAPAPP, der neuen, zweisprachigen Bilderbuchzeitschrift für Kinder ab fünf Jahren. Wie kam es dazu?
Es ist einer Reihe glücklicher Zufälle zu verdanken, dass es PAPPERLAPAPP gibt. Ich bin seit über 20 Jahren in der Designvermittlung tätig und beruflich wie privat immer interessiert an gestalterischen Lösungen, die das Leben bereichern. Über meinen Freundeskreis in Frankreich bin ich auf Kinderzeitschriften für die „ganz Kleinen“ gestoßen, die derart gut und hochwertig gemacht sind, dass die Kinder sie lieben und sofort vorgelesen haben möchten, sobald diese ins Haus flattern. Ich hatte sogar das Glück, einen solchen Moment selbst mitzuerleben: Ich war gerade bei meiner Freundin in Paris zu Besuch, als die Post das Vorleseheft „tralalire“ brachte. Ihr kleiner Sohn packte das Heft, setzte sich in eine Ecke, blätterte intensiv darin und drängte seine Mutter, ihm sofort daraus vorzulesen. Dieser Moment brachte mich auf die Idee, auch für österreichische Kinder eine entsprechende Vor-Leselektüre zu entwickeln. So holte ich die Designerin Claudia Dzengel ins Boot, deren eigenes Buch „Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder“ im Jahr 2014 in die Kollektion des Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreises aufgenommen und mit einem Anerkennungspreis der Stadt Wien ausgezeichnet wurde. Und wir begannen rasch und intensiv zu den Themen Vorlesen und frühe sprachliche Förderung zu recherchieren und das Konzept zu PAPPERLAPAPP zu entwickeln.

 

PAPPERLAPAPP erscheint zweisprachig, immer in Deutsch kombiniert mit jeweils einer von mehreren Fremdsprachen, die zur Wahl stehen. Warum dieses Konzept?
Je tiefer wir in die Materie eingestiegen sind, desto klarer wurde uns, dass wir mit PAPPERLAPAPP auch Kindern mit Migrationshintergrund eine altersgerechte Vor-Leselektüre in die Hände legen und damit einen kleinen Beitrag zur Chancengleichheit leisten möchten. Da mehrere wissenschaftliche Studien belegen, dass sich Sprachen umso leichter erlernen lassen, je sicherer der Umgang mit der Erstsprache ist, haben wir die Entscheidung getroffen, PAPPERLAPAPP in verschiedenen Sprach-Varianten herauszubringen: Jeweils in Deutsch plus in jenen Migrationssprachen, die in Österreich und Deutschland stark vertreten sind. Daher gibt es PAPPERLAPAPP in Deutsch-Albanisch, Deutsch-Arabisch, Deutsch-Bosnisch, Deutsch-Polnisch, Deutsch-Rumänisch, Deutsch-Türkisch. Aber auch in Deutsch-Englisch: für Kinder mit Deutsch als Erstsprache, oder mit einer in Österreich seltener anzutreffenden Erstsprache.

 

Die Stadt Wien hat im Februar 2016 eine größere Zahl an PAPPERLAPAPP-Heften angekauft und kostenfrei an alle Kinder verteilt, die sich im verpflichtenden Kindergartenjahr befinden und einen Kindergarten besuchen, der eine Sprachstandserhebung durchgeführt hat. Wie kam die Zusammenarbeit mit der Stadt Wien zustande?
Da war wohl ein weiterer glücklicher Zufall am Werk! Im Sommer 2014 bin ich auf den Wettbewerb „Ideen gegen Armut“ gestoßen, der jährlich von Coca Cola Österreich, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Tageszeitung Der Standard ausgelobt wird. Als eines der wirksamsten Mittel gegen Armut und (Jugend-) Arbeitslosigkeit gilt die Fähigkeit, Sinn erfassend lesen zu können. Diese Erkenntnis hat uns überzeugt! Und so haben Claudia Dzengel und ich unsere Idee eingereicht und wurden von der Erst-Jury in die sogenannte „Finalrunde“ empfohlen. Im November 2014 stellten wir uns – neben sieben weiteren Teams – einem Pitch. Das Ergebnis war für uns sehr erfreulich. Auch wenn wir nicht als Sieger hervorgegangen sind, hat uns die Haupt-Jury mit einer Auszeichnung bedacht. Dies wiederum bestärkte uns, öffentliche Träger, die hierzulande für Bildung und Integration zuständig sind, über unser Vorhaben zu informieren – darunter waren das Referat Sprachliche Bildung der MA 10, Wiener Kindergärten und das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres. Ein paar Wochen später hat uns die MA 10 zu einer Präsentation eingeladen. Das war der Startschuss für die Umsetzung unseres Projekts.

 

Wie lange soll Ihre Kooperation mit der Stadt Wien, konkret der MA 10 andauern? Wie wird sie finanziert?
Über einen Zeitraum von vorerst drei Jahren werden die Kinder drei bis vier Ausgaben pro Jahr erhalten, die die Stadt Wien bei unserem Verlag ankauft. Finanziert wird die breit angelegte Aktion die von der MA 10 laufend evaluiert wird – auf Basis der sogenannten Vereinbarung 15a-B-VG. Diese fokussiert – im Zusammenspiel mit dem Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres – u. a. auf die frühe sprachliche Förderung

 

Wie werden die Eltern oder Familien motiviert, PAPPERLAPAPP daheim auch wirklich vorzulesen?
Die Kinder dürfen und sollen sogar PAPPERLAPAPP mit nach Hause nehmen. Im Idealfall lesen Eltern oder ältere Geschwister oder weitere Personen im Familienverband in Abstimmung mit den Kindergarten- und Sprach-Pädagoginnen und -pädagogen die PAPPERLAPAPP-Geschichten in der jeweiligen Erstsprache vor. So lernen die Kinder die Inhalte kennen und bringen sich dadurch – davon sind wir überzeugt – selbstbewusster und aktiver ein, wenn PAPPERLAPAPP im Kindergarten in Folge noch einmal auf Deutsch gelesen wird. Das erleichtert den Erwerb und den Umgang mit der Bildungssprache Deutsch. Jene Kinder mit der Erstsprache Deutsch erhalten PAPPERLAPAPP auf Deutsch-Englisch und finden damit einen spielerischen Zugang zur englischen Sprache.

In diesem Zusammenhang erscheint es mir als besonders wichtig, alle Eltern und Erziehungsberechtigten immer wieder auf die positive Wirkung des Vorlesens an sich hinzuweisen. Die jährlich durchgeführte, breit angelegte Studie der Stiftung Lesen zeichnet stets dasselbe Bild: Regelmäßiges Vorlesen im Kleinkindalter wirkt sich insgesamt positiv auf die Entwicklung der geistigen und sozialen Fähigkeiten der Kinder aus. Kinder, denen von klein auf regelmäßig vorgelesen wurde, sind nicht nur in der Schule nachweislich erfolgreicher, sondern auch sozial kompetenter. Vorlesen schafft also eine wichtige Basis für spätere Bildungs- und Berufschancen und für ein möglichst selbstbestimmtes, glückliches Leben.

Frau Hirschberger, Sie selbst sind von ihrer Ausbildung und ihrem beruflichen Hintergrund her keine Pädagogin. Wie stellen Sie sicher, dass die Inhalte von PAPPERLAPAPP altersgerecht sind?
Gute Frage! Um die Altersgerechtigkeit garantieren zu können, haben wir einen Redaktionsbeirat gegründet: Philipp Schwärzler, Leiter des unabhängigen Kinderschutzzentrums Wien, Kathrin Wexberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der STUBE Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur und Nikola Marschalek, Erziehungswissenschafterin und Montessori-Pädagogin, sitzen hier zusammen. Sie entwickeln den Redaktionsfahrplan und überprüfen sämtliche Beiträge , bevor diese ins Heft kommen.

Wie sind die PAPPERLAPAPP-Hefte inhaltlich aufgebaut? Wer liefert die Beiträge?
In PAPPERLAPAPP greifen wir Themen aus dem Alltag der Kinder auf, die sie anregen sollen, über sich und die Welt nachzudenken. Alle Beiträge werden von anerkannten Autorinnen und Autoren verfasst und von arrivierten oder aufstrebenden Illustratorinnen und Illustratoren fantasievoll, poetisch oder auch frech inszeniert. Jede Ausgabe umfasst zwei Hauptgeschichten, einen Comic, ein Wimmelbild, Gedankenspiele, eine Bastelanleitung und eine sensomotorische Übung.

Mit großer Spannung wird nun die erste Ausgabe von PAPPERLAPAPP erwartet. Frage Nr. 1: Worum geht es in diesem Heft?
Die erste Ausgabe ist dem Thema „Freundschaft“ gewidmet. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten – einfach reinschauen! Soviel noch: Im nächsten Heft – mit Erscheinungstermin Juni 2016 – beleuchten wir das Thema „Weltall“.

Kurze Frage noch zum Titel: PAPPERLAPAPP klingt eingängig, ist jedoch auch mutig, wenn man die ursprüngliche Bedeutung kennt – PAPPERLAPAPP als mitunter unhöflicher Ausruf, mit dem man eine Äußerung eines Anderen als leeres Gerede abwertet.
Dieser Bedeutung sind wir uns durchaus bewusst! Dennoch haben wir uns für diesen Titel entschieden. Denn er greift spielerisch einen kindlichen Jargon auf und soll ja ein bisschen frech daherkommen – das finden Kinder interessanter als das Brave.

Wer jetzt Lust auf PAPPERLAPAPP bekommen hat möchte wissen, wo die Hefte erhältlich sind. Können auch andere Bildungsinstitutionen, wie etwa Volksschulen, oder auch Privatpersonen die Zeitschrift kaufen?
Selbstverständlich. Wir haben PAPPERLAPAPP bereits einigen Volksschul-Lehrerinnen vorgestellt, die beteuerten, dass PAPPERLAPP auch für ihre Erstleser eine wunderbare Lektüre darstellt. Kurzum: Wir freuen uns über jede Bestellung! Bis zum Zeitpunkt der Freischaltung unseres Webshops gibt es eine eigene E-Mail-Adresse zum Bestellen: office@papperlapapp.co.at

 

Viel Erfolg und danke für das Gespräch!

 

Das Interview führte Désirée Schellerer.

 

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