PAPPERLAPAPP-Serie „FÜNF FRAGEN AN …“: CLAUDIA PATRICIA BERNLEITNER

 

Papperlapapp #14 führt uns in den Wald. Warum sein Erholungswert besonders hoch ist und was es dort Spannendes zu entdecken gibt, weiß Claudia Patricia Bernleitner, Expertin für Gartenpädagogik und -therapie.

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Frau Bernleitner, was kann der Wald, was andere Gebiete unserer Landschaft nicht können?
Ich halte mich zu jeder Jahreszeit viel in der Natur auf. Im Wald genieße ich am meisten die Stille, den Duft von Tannennadeln, heruntergefallenem Laub, Moos und Waldboden, die unterschiedlichen Nuancen von Grün und das Licht, das hier ganz besonders ist. Im Wald wird sichtbar, was alle Pflanzen wollen: ans Licht! Wir können uns Wälder von ihrem Aufbau her wie ein Haus mit verschiedenen Stockwerken vorstellen. Die Wurzelschicht bildet den „Keller“. Ganz unten, dort wo wenig Licht hinkommt, also im „Erdgeschoß“ wachsen Moose, Farne, Beeren und Pilze. Sträucher sowie kleinere Bäume und Jungbäume bekommen schon mehr Licht, müssen sich dieses jedoch mit den unteren Zweigen der großen Bäume teilen. Ganz oben breiten hohe Bäume majestätisch ihre Kronen aus, sie bilden das „Dach“. Jede dieser Pflanzen hat im Stockwerkbau des Waldes ihren Platz, ihre Aufgabe und ihren Sinn. Das ist für mich das Besondere des Waldes! 
Mich faszinieren Pflanzen – sie sind das Medium, mit dem ich gartenpädagogisch und -therapeutisch arbeite – und ganz besonders Bäume: vielleicht, weil sie mehrere Jahrhunderte bis Jahrtausende alt werden können.

Waldbaden ist ein neuer Begriff, ein Trend – was steckt dahinter?
Shinrin-yoku ist ist japanisch und bedeutet Waldbaden. In Japan hat es eine lange Tradition und gilt dort als Medizin. Ich habe von Forest Bathing zum ersten Mal 2017 auf der internationalen Konferenz Landscape and Human Health – Forests, Parks and Green Care gehört. Die Attention Restoration Theory (Kaplan 1984, R. & St. Kaplan 1989) erklärt die Erholsamkeit von Natur anhand von vier Kriterien: Faszination – Die Natur provoziert Aufmerksamkeit, die uns jedoch nicht anstrengt, sondern regeneriert; Weg-Sein ein – Die Natur ermöglicht Abstand zum Alltag; Ausdehnung – Die Natur weckt das Gefühl, sich mit ihr verbunden zu fühlen; Kompatibilität – Die Natur bietet einer Person die Möglichkeit, zu tun, was ihren Bedürfnissen entspricht.

Ausgangspunkt der Attention Restoration Theory ist die Aufmerksamkeit. Zum Regenerieren unserer Aufmerksamkeitsfähigkeit eignet sich die Natur besonders gut, weil sie das Interesse des Menschen weckt, ohne gerichtete Aufmerksamkeit zu erfordern. Diese Theorie, aber auch die Stress Reduction Theory (R. Ulrich 1984), lässt sich sowohl auf den Garten als auch auf den Wald übertragen, wobei der Wald einen besonderen Erholungswert zu haben scheint. Natur-Umwelten sind am besten geeignet, um sich von Stress, aber auch von Wut, Angst oder Traurigkeit zu erholen und positive Gefühle zu erleben.

In unserem Kulturkreis ist der Wald mythisch aufgeladen, in vielen Märchen sogar ein Ort des Unheimlichen. Wie gehen Sie damit um?
Bei einer geführten Nachtwanderung mit einer Gruppe von Volksschulkindern, die ich begleiten durfte, war Angst tatsächlich das Gefühl, das einige Kinder im Zusammenhang mit Dunkelheit und Wald spontan äußerten. Unsere Naturparkführerin konnte diese Angst jedoch transformieren, indem sie gemeinsam mit den Kindern Naturerfahrungen machte, die allen positiv in Erinnerung bleiben werden: Durch das Benennen des Gefühls Angst einerseits und andererseits durch das Erleben positiver Gefühle – wie etwa Freude, eine Fledermaus entdeckt zu haben und Stolz, sich im Dunkeln in den Wald zu trauen.

Kinder interpretieren und bewerten Naturerfahrungen basierend auf vorhandenen Konzepten, wobei affektiv-emotionale Zugänge eine wichtige Rolle spielen. Und gleichzeitig haben Naturerfahrungen immer auch eine symbolisch-ästhetische Dimension, womit wir bei Mythen und Märchen sind. Das einzige „Ungeheuer“, dem wir im dunklen Wald begegnet sind, war die Angst. Und die konnten wir gemeinsam auflösen!

Erinnern Sie sich an erste Walderlebnisse?
Meine ersten Walderlebnisse sind Kindheitserinnerungen, als wir gemeinsam mit meiner Großmutter wilde Heidelbeeren und Preiselbeeren pflückten oder Eierschwammerln suchten und fanden. Beim Betreten des Waldes erinnerte sie uns jedes Mal daran, wie wir uns dem Wald und seinen tierischen Bewohnern gegenüber verhalten sollten. Wie damals als Kind freue ich mich auch heute noch darüber, im Wald unerwartet einem Reh oder Hasen zu begegnen. Oder neben einem Bach Bärlauch zu pflücken und dabei dem Rauschen des Wassers zuzuhören. 

Verraten Sie uns, woher Ihre Faszination für den Wald kommt?
Ich liebe Wälder, in denen – neben einer hohen Diversität an Pflanzen und Tieren – alte Baumriesen, Lichtungen, Wasser und grüne Pölster aus Sternenmoos zu finden sind. Mir geht es dabei stets um die Wertschätzung. Für mich ist der Wald bedeutungsvoll, weil ich ihn mit intensiven Naturerlebnissen und meiner Oma verbinde. Von ihrem Haus gingen wir zu Fuß durch die angrenzenden Maisfelder in den Wald. Als Kind fühlte es sich für mich so an, als ob wir eine geheimnisvolle Welt betreten würden. Noch heute bringen mich Bäume und der Wald in seiner Gesamtheit zum Rätseln und Staunen.

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Claudia Patricia Bernleitner lebt in Wien. Akademische Expertin für Gartentherapie, Mediatorin in Ausbildung unter Supervision, Certified Interpretive Guide (Nationalparks Austria), selbstständig tätig mit kindsnatur spielend wachsen mit der Naturerlebnisorientierte Gartenpädagogik und achtsamkeitsbasierte Gartentherapie.
Mehr unter www.kindsnatur.at