PAPPERLAPAPP-Serie „FÜNF FRAGEN AN … “: ERNST MIKSCHI

Papperlapapp #10 taucht thematisch ab – „Unter Wasser“. Dort tut sich ein wundervoller Kosmos auf. Ernst Mikschi, Zoologe und Botaniker mit Spezialisierung auf Süßwasser und Leiter der Fischsammlung und der Wirbeltierabteilung im Naturhistorischen Museum Wien, öffnet uns dafür die Augen.


Haben Sie eine Idee, warum so viele Menschen davon fasziniert sind, was sich „da unten“ in den Gewässern unseres Planeten abspielt? Gibt es einen Zusammenhang mit der aktuellen Bedrohung unseres Öko-Systems?
Wasser ist lebensnotwendig und zugleich ein für uns feindliches Element. Wenn wir im Wasser sind, funktionieren unsere Sinne nur sehr eingeschränkt, wir sehen wenig, hören verzerrt und riechen gar nichts. Und wir sind ziemlich langsam und hilflos, verglichen mit jenen Geschöpfen, deren Element das Wasser ist. Deshalb macht uns Wasser Angst – in früheren Zeiten vor Ungeheuern, heute etwa vor Haien oder einfach vor dem Ertrinken.

Aber wir Menschen sind auch furchtbar neugierig! Darum wollen wir einfach wissen, was sich da unter der Wasseroberfläche tut. Ein angeborenes Gruseln ist jedoch immer dabei.

Wenn wir der Bedrohung des Ökosystems Erde durch den Menschen sinnvolle Maßnahmen entgegensetzen wollen, ist es wichtig, zu verstehen, wie gerade der größte Lebensraum, das Wasser, „funktioniert“. Das Sterben von Korallen, das Verschwinden ganzer Lebensgemeinschaften durch z.B. die globale Erwärmung, passiert oft unbemerkt und ohne für uns unmittelbar spürbare Folgen. Aber die kommen mit Verzögerung und treffen uns alle!

Wie bedroht sind unsere Meere, Flüsse und Seen aus Ihrer Sicht nun wirklich? Können wir von klein auf zur Verbesserung der Situation etwas beitragen?
Das Thema Mikroplastik ist noch nicht lange bekannt, über die Auswirkungen wissen wir noch recht wenig, abgesehen davon, dass es uns Menschen auf dem Weg der Nahrungskette sicherlich negativ betreffen wird. Wie ausnahmslos jede Verschmutzung oder Vergiftung unserer Gewässer, das sollten wir uns immer vor Augen halten!

Die größte Gefahr für unser Wasser ist der Klimawandel. Wenn die Temperaturen steigen, ändert sich der weltweite Wasserhaushalt. Meeresströmungen werden sich verlagern, die Verteilung der Niederschläge wird ganz anders aussehen. Die Folgen werden für viele Menschen furchtbar sein. Schon heute verschwinden kleine Inselstaaten im Wasser, weil der Meeresspiegel durch das Schmelzen der polaren Eiskappen steigt. Dürren werden häufiger und Wüsten breiten sich aus.
Wir leben in Österreich in einem Wasserparadies, wir besitzen sauberes Wasser im Überfluss. Aber wir sollten daran denken, dass unser Wasser überaus kostbar ist und es viele Millionen Menschen auf unserem Planeten gibt, für die sauberes Wasser wertvoller ist als Gold! Daher: Sparsam mit unserem Wasser umgehen, es sauber halten, damit die Lebewesen darin überleben können, und alles tun, um die von uns verursachte Klimaänderung zu stoppen. Da hilft es schon, mit den Öffis oder zu Fuß in die Schule zu kommen, anstatt sich mit dem Auto hinbringen zu lassen. Oder auf manches Schnitzel oder manchen Burger zu verzichten, damit bei der Viehzucht nicht so viele schädliche Gase in unsere Atmosphäre gelangen.

Erzählen Sie uns, warum Sie diesen Berufsweg eingeschlagen haben?
Schon als Kind hat mich die Natur fasziniert. Ich habe Schneckenhäuser und Muschelschalen gesammelt, ein Herbarium mit Blättern angelegt, Regenwürmer, Erdhummeln und Käfer gefangen und beobachtet (und natürlich wieder freigelassen) und selbstverständlich Kaulquappen großgezogen. Damals durfte man das noch, heute sind unsere Frösche gefährdet und ihr Laich ist tabu. Mit 11 Jahren gab es das erste Aquarium, einige Zeit habe ich getaucht und geangelt, kurz: Es wäre eine Überraschung für meine Familie gewesen, wenn ich nicht Biologie studiert hätte.

Neben dem Beruf ist das Naturerleben auch eine wichtige Freizeitgestaltung für mich. Auf das Kleine zu achten, in jeden Tümpel zu schauen und ständig zu beobachten, kann ich mir nicht abgewöhnen. Ein kleines Mikroskop und ein paar wasserdichte Behälter habe ich immer dabei, wer weiß, die spannendsten Entdeckungen macht man ja oft an scheinbar gewöhnlichen Orten. Daher: Immer eine Lupe und ein paar Behälter mitnehmen, auch wenn es nur in den Park geht!

Können Sie uns kurz einen typischen Arbeitstag im Naturhistorischen Museum schildern? Mussten Sie schon mal Besucher_innen erklären: Wie unterhalten sich Fische miteinander?
Für Wissenschaftler, die ihre Arbeit in den Sammlungen, Labors und Büros ‚hinter den Kulissen’ verrichten, besteht ein durchschnittlicher Arbeitstag zu einem guten Teil aus Kommunikation. Man schreibt E-Mails, tauscht sich mit Kolleginnen in der ganzen Welt aus, erledigt bürokratische Aufgaben, betreut Gäste, die mit der wissenschaftlichen Sammlung arbeiten und tage- oder wochenlang zu Besuch in Wien sind, bereitet Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften oder Vorträge vor, gibt Interviews und beantwortet Anfragen von Medien und Behörden, und arbeitet natürlich an Forschungsprojekten. Den Besucher unserer Ausstellungen treffe ich eher selten, etwa bei Führungen oder Veranstaltungen wie unlängst einem Aktionstag zum Thema „Schmuggel mit gefährdeten Tierarten“. Aber immer wieder rufen Leute an oder schreiben E-Mails, weil sie Fragen haben. Da geht es dann oft um das Thema gefährliche Fische, etwa am Urlaubsort, mitunter um Probleme mit dem Gartenteich, manchmal auch um den Wunsch, einen Fisch nach einem (schlechten) Foto zu bestimmen – was sehr oft unmöglich ist (es gibt knapp 30.000 Fischarten …). Besonders lustig war eine Anfrage, die ein Foto eines zubereiteten (!) Fisches mit Kartoffeln und Gemüse zeigte. Der Anfrager wollte wissen, welche Fischart er da in seinem Urlaub verspeist habe. Da enden dann die Möglichkeit eines Fischkundlers …

Sehr ernst nehme ich natürlich die Fragen um Unterstützung von Studenten oder Schülern, die z.B. Hilfe für Referate oder ihre vorwissenschaftliche Arbeit benötigen. Etwas Besseres als die Neugier von Kindern und Jugendlichen gibt es ja nicht! Daher mein Tipp: Einfach eine Mail schicken! Wir beißen nicht!

Sie haben es zu Beginn bereits angesprochen: Viele Menschen empfinden Gewässer als unheimlich. Unter Wasser zu kommen, kann uns tatsächlich in Schrecken versetzen. Hatten Sie schon einmal ein unangenehmes „Unter-Wasser“-Erlebnis?
Ich bin so oft bei der Arbeit ins oder unter Wasser gekommen, dass ich nicht mehr mitzähle. Ich bin freundlichen Haien genauso begegnet wie unangenehmen Quallenschwärmen, aber gefährliche Situationen habe ich eher beim Elektrofischen erlebt. Dabei wird mit einem Aggregat Gleichstrom ins Wasser geleitet, um die Fische zu betäuben und zu fangen. Strom und Wasser vertragen sich bekanntlich nicht und in einem tiefen Fluss auf rutschigem Grund ist es oft nicht einfach, sich auf den Beinen zu halten. Da passiert es schon einmal, dass man plötzlich im Wasser liegt und die schützende Watthose (eine isolierende Latzhose aus Kunststoff mit angeschweißten Gummistiefeln) keinen Schutz mehr bietet. In diesem Fall muss der Strom blitzartig unterbrochen werden, sonst kann es lebensgefährlich werden. Aber alle, die diese Fischerei betreiben dürfen, sind entsprechend ausgebildet und wissen, welche Sicherheitsmaßnahmen einzuhalten sind. Tödliche Unfälle passieren allerdings manchmal, wenn Laien versuchen, das nachzumachen. 
Gegen die Angst vor dem Wasser hilft nur eines: Unbedingt Schwimmen und Schnorcheln zu lernen!

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Dr. Ernst Mikschi, geboren 1960, nach der Schule Studium der Zoologie und Botanik in Wien, Spezialisierung auf Süßwasser (Limnologie), seit 1992 am NHM, 1996 Leitung der Fischsammlung, seit 2005 Leiter der Wirbeltierabteilung. Arbeitsschwerpunkte: Artenschutz, Überwachung der Fischfauna im Nationalpark Neusiedlersee, Ausbreitung invasiver Arten in Österreich/Europa, Gefährdung von Arten (Rote Listen), Genetik von Fischen in Alpenseen u.v.m.