PAPPERLAPAPP-Serie „FÜNF FRAGEN AN …“: Insektenforscher MARTIN LÖDL

 

Herr Lödl, einer Studie der niederländischen Radboud-Universität von 2017 zufolge sind die Populationen der geflügelten Insekten in Schutzgebieten in Deutschland zwischen 1989 und 2016 um etwa 75 Prozent zurückgegangen. Ist die Situation wirklich so schlimm?
Sie ist leider sogar noch um einiges dramatischer, denn die Studie bezieht sich ja nur auf einen Zeitraum von knapp 30 Jahren. Wenn wir hundert Jahre in den Blick nähmen, würden wir vermutlich auf 98 Prozent kommen. Ganz so düster ist das Bild aber auch wieder nicht, denn der Rückgang ist kein qualitativer, sondern ein quantitativer, sprich, er betrifft die Biomasse, nicht die Anzahl der Arten. Und selbst Arten, die bei uns in Mitteleuropa verschwunden sind, finden sich durchaus noch an anderen Stellen auf dem eurasischen Kontinent.

Die Tatsache des zahlenmäßigen Rückgangs der Insektenpopulationen bleibt aber bestehen. Worauf führen Sie ihn zurück?
Aus meiner Sicht haben weder der Klimawandel noch die Lichtverschmutzung etwas damit zu tun. Der Grund liegt einzig und allein im Verlust an Lebensraum für die Insekten. Und dafür wiederum ist die Überbevölkerung sowohl in Europa als im Rest der Welt verantwortlich. In Europa werden die  Flächen industriell und agroindustriell so stark genutzt, dass wenig Natur übrigbleibt. Wenn Sie sich Satellitenbilder von europäischen Landschaften anschauen, sehen Sie einen Flickenteppich von viereckigen braunen und grünen Flächen, das sind die Äcker. Aber die so genannten Refugialbiotope für alle Arten von Tieren und Insekten, also die Raine und Randfluren, gehen durch Flurbereinigung immer mehr zurück. Der Landwirt verdient ein bisschen mehr, wenn er sie ebenfalls nutzt, und bei den geringen wirtschaftlichen Erträgen kann man ihm das nicht einmal zum Vorwurf machen. Aber für die Insekten ist es fatal, für sie sind Felder und Äcker tote Flächen, die obendrein oftmals noch mit Insektiziden gespritzt werden! Die gute Nachricht bei alldem ist eine naturgegebene: Insekten haben, verglichen mit anderen Arten, eine immense Fertilität: So ein Mutterinsekt kann je nach Spezies gleich ein paar Hundert Nachkommen auf einmal bekommen.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?
Da gäbe es eine Menge, die jede für sich etwas beitragen könnte. Schön wäre es, die Flurbereinigungen rückgängig zu machen. Aber das wird nicht geschehen, denn die Landwirte brauchen jeden Quadratmeter nutzbaren Landes. Ich habe einmal einem Landesrat vorgeschlagen, dass man doch wenigstens die Grünflächen an den Straßenrändern einfach bis zu einer bestimmten Höhe nicht mäht. Er sagte, unmöglich, die Leitpfosten müssen weiterhin sichtbar bleiben, jeder, der einen Unfall baut, würde uns verklagen und behaupten, er habe sie nicht gesehen! In der Schweiz erhalten Bauern eine Entschädigung dafür, dass sie ihre Blumenwiesen ungemäht lassen. Aufgelassene Schottergruben könnte man einfach sich selbst überlassen. Oder man schüttet Sandflächen auf, die sich dünenartig verfestigen. Flugsamen setzen sich daran fest, es entsteht Trockenrasen – und man glaubt gar nicht, wie schnell die Tierwelt dann wieder zurückkommt!

Wie kamen Sie zur Insektenkunde?
Die Fauna hat mich von klein auf interessiert, als Kind habe ich Kaulquappen und Wasserläufer in Becken gehalten, meine erste Zeichnung in der Voksschule war nicht von irgendeinem Saurier, sondern es musste der Triceratops sein! Außerdem stamme ich aus einer Familie von Sammlern, da kam mir die Sammlung des NHM Wien mit ihren 12 bis 13 Millionen Insektenexemplaren, darunter 3 Millionen Schmetterlinge, natürlich sehr gelegen. Das Schöne an Insekten ist ihre Vielfältigkeit bis ins letzte Detail.

Wie alt sind die Sammlungen des NHM Wien?
Begründet wurden sie von Franz Stephan von Lothringen, dem Gemahl von Maria Theresia, bereits Mitte des 18. Jahrhunderts als Sammlung von „Naturalien“. Für das damalige Publikum waren diese Korallen, Mineralien, Fossilien, eingelegten Schlangen usw. aus allen Teilen der Welt genauso interessant wie Gemälde und um einiges exotischer.

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Der studierte Biologe und Philosoph Mag. Dr. Martin Lödl leitet die II. Zoologische Abteilung und die Zoologische Hauptpräparation des Naturhistorischen Museums in Wien. Er betreut die Sammlung der Lepidoptera, besser bekannt als Schmetterlinge, und gibt die einschlägige Fachzeitschrift Quadrifina heraus.  Als ehemaliger Student von Rupert Riedl, der auch mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt befreundet war, hat sich Martin Lödl immer mehr in Richtung Humanethologie (Verhaltensforschung) und evolutionäre Erkenntnistheorie weiterentwickelt und 2009 auch sein Opus Magnum „Fatales Design“ als Beitrag zur Evolutionsphilosophie veröffentlicht.

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„INSEKTEN-Führungen“ für Kinder im NHM Wien
So wie bei der „Dino-Nummer“ (Papperlapapp Nr. 11) wird das NHM Wien auch anlässlich der Insekten-Ausgabe spezielle Themen-Führungen anbieten. In einige Heft-Beiträge – wie etwa in die Faktboxen der Hauptgeschichte, in die Gedankenspiele oder in das Insekten ABC – sind daher auch konzeptionelle Ideen des museumspädagogischen und des wissenschaftlichen Teams des NHM eingeflossen – mit dem Ziel, die Kinder bei den Führungen gut abzuholen und sie zu motivieren, manche Insekten vor Ort im Museum (wieder-) zu entdecken, die sie vielleicht bereits aus PAPPERLAPAPP kennen.

Anmeldung 
Das NHM Wien öffnet am 20. Mai 2020 wieder einen Teil seiner Ausstellungen. Gruppenführungen für Kinder werden – coronabedingt – erst ab Juli angeboten werden können. Wer hierfür schon eine Voranmeldung tätigen möchte, kann sich ab sofort gerne an NHM Museumspädagogin Magister Gertrude Schaller wenden: gertrude.schaller@NHM-WIEN.AC.AT