PAPPERLAPAPP-Serie „FÜNF FRAGEN AN … “: VERONIKA MANDL

 

Papperlapapp Nr. 15 entführt Kinder in die Welt der Musik. Welche Macht Musik haben kann und was mit „Musik als Beziehungskunst“ gemeint ist, erzählt Musik-und Bewegungspädagogin Veronika Mandl im Interview.

Frau Mandl, ist allen Menschen das Bedürfnis nach und die Empfänglichkeit für Musik in die Wiege gelegt?
Unser Leben ist von rhythmischen Vorgängen durchdrungen, wie etwa der Atmung oder dem Herzschlag. Jeder Mensch kann Musik wahrnehmen, sie genießen und sich musikalisch ausdrücken. Motorische Reaktionen auf Musik beginnen bereits im Säuglingsalter. Hin- und Herwippen, Hopsen oder Klatschen sind typische erste Bewegungsformen. Mit fortschreitender Bewegungsfähigkeit nimmt auch die Bewegung zur Musik zu. So gesehen ist uns die Empfänglichkeit für Musik wie ein Samenkorn in die Wiege gelegt. Die Entwicklung musikalischer Fähigkeiten gestaltet sich im Wechselspiel von Kind und Umgebung. Der Samen – um in dieser bildhaften Sprache zu bleiben – muss also gegossen, beschienen und gepflegt werden, um weiter wachsen zu können. Und je mehr das Samenkorn „umsorgt“ wird, umso größer kann die Pflanze werden. Das Faszinierende dabei: Es muss nichts gestutzt oder forciert werden! Kinder wie Erwachsene dürfen sich an diesem Wachsen, an dieser Entwicklung erfreuen und sich gegenseitig inspirieren lassen.

Wie und wem kann es gelingen, das Feuer der Musik bei Kindern oder Erwachsenen zu entfachen?
Gelingen kann es all jenen, die selbst für die Musik brennen! Jene Menschen, die Musik machen, weil es ihnen ein Anliegen aus sich heraus ist. Der Fachbereich „Elementare Musikpädagogik“ an der mdw (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) beschreibt sich mit den Worten: „Wir musizieren, um zu musizieren“. Dahinter liegt kein pädagogischer Anspruch, Menschen über die Musik klüger und sozialer zu machen. Das können erfreuliche Begleiterscheinungen sein! Das gemeinsame Musizieren steht im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens und ist Mittel und Zweck zugleich.
Es gibt nicht wenige Menschen, die sich als unmusikalisch bezeichnen als Folge negativ
konnotierter Erfahrungen. „Du singst falsch! Mache nur die Mundbewegungen, damit man dich nicht singen hört! Kannst du nicht im Takt klatschen?“ und ähnliche Aussagen sind Bewertungen, die jegliches Ausdrucksbedürfnis zunichtemachen und im Keim ersticken. Der Fokus dabei ist ausschließlich defizitorientiert. Kein Mensch ist unmusikalisch!
Jeder Mensch kann sich musikalisch ausdrücken! Ein bewertungsfreier Raum bewirkt, dass sich die schöpferische Ausdruckskraft entwickeln, die musikalische Ausdrucksvielfalt erweitern und die Palette an Ausdrucksmöglichkeiten farbenreicher werden kann.
Wie kann ich als Lehrende, als Musik-Vermittelnde Menschen dabei unterstützen, ihr musikalisches Potenzial bestmöglich zu entfalten? Die Aufgabe der (Musik-)Pädagoginnen und (Musik-)Pädagogen ist es, reflektiert und achtsam mit den beteiligten Menschen und dem musikalischen Material im wahrsten Sinne des Wortes zu spielen, Impulse aufzugreifen und wiederum Neues, Unbekanntes und/oder Fremdes anzubieten. In diesem Wechselspiel wird für alle am musikalischen Prozess Beteiligten ein Erfahrungsraum eröffnet, der durch Variationen, Wiederholungen, Übungen etc. weiterentwickelt und gefestigt wird. Die Expressionsfreiheit gewährt ein Sichtbar-Machen der einzelnen Menschen und eine individuelle Entwicklung.

In unserer PAPPERLAPAPP-Geschichte vermag das eigene Musizieren der Kinder sogar ihre Ängste zu vertreiben. Hat Musik eine Macht?
Musik ist ein starkes Gegenüber, das uns Menschen auf unterschiedlichste Art und Weise emotional fordert. Melodien und Rhythmen können uns in ihren Bann ziehen – Musik geht unter die Haut und pfeilschnell ins Herz, kann uns glücklich wie traurig machen und Erinnerungen wachrufen.
Beim Musik-Hören wie beim Musik-Machen sind mehrere Hirnregionen beteiligt. Das Gehör des Menschen ist sensibler als die anderen Sinnessysteme. Die Hörzellen reagieren schon auf Reize, die rund zehn Millionen Mal kleiner sind als jene beim Berühren. Schallwellen erreichen den Menschen durch die Ohrmuschel, treffen auf das Trommelfell, werden im Innenohr von den Hörnerven aufgenommen und über das Nervensystem zur Hirn- bzw. zur Hörrinde und dem Gefühlszentrum des Gehirns geleitet. Das Gehirn verarbeitet die Schallinformationen und verknüpft sie mit Erfahrungswerten und Emotionen.
Beim Lauschen von Musik treten weitere Gehirnareale in Aktion, um Erfahrungen und Assoziationen zu verarbeiten. Akustische Informationen werden mit optischen Bildern verknüpft und mit Informationen und Erinnerungen in Verbindung gesetzt. Schallreize sind in der Lage, Menschen in einen Erregungszustand zu versetzen, wobei diese unterschiedlich reagieren. Jeder Höreindruck führt auch zu einem emotionalen Mit-Eindruck. Der Zusammenhang von Musikreizen und körperlichen Reaktionen konnte in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen werden.
Tempo und Lautstärke wirken sich direkt körperlich aus. Durch hohe Lautstärke und schnelles Tempo erhöhen sich der Blutdruck und der Muskeltonus, der Puls wird beschleunigt. Der gesamte Organismus wird gereizt und Spannung erzeugt, die schließlich durch Bewegung wieder ausgeglichen wird. „Auf die Musik fahre ich ab“, ist der sprachliche Ausdruck solcher körperlichen Reaktionen. Geringe Lautstärke und langsames Tempo beruhigen unweigerlich.
Musik besitzt Macht, die nicht unterschätzt werden darf. Die Musiktherapie weiß um die Kraft der Musik und setzt diese gezielt ein, wie etwa bei Demenzkranken: Musik ist mit unserer Biografie eng verbunden, sodass sie als emotionaler Kern selbst dann zurückbleibt, wenn andere Teile der Persönlichkeit bereits bröckeln und die Erinnerungen dahinschwinden. Musik wird und wurde aber auch missbraucht und instrumentalisiert. Totalitäre Systeme benützen Musik, um das Volk in ihren Rhythmus zu zwingen und gleichzuschalten. Musik wird eingesetzt, um zu mobilisieren, um ein Gedankengut zu transportieren und im schlimmsten Falle einzutrichtern. Musik kann und soll – bewusst und achtsam eingesetzt – Menschen empfänglich und offen machen für das Musikalische in sich und für das Verbindende unter uns allen.

Ihre Konzertreihe „Agathes Wunderkoffer“ für Kinder ab 3 Jahren im Musikverein
bezeichnen Sie als „Beziehungskunst“. Was verstehen Sie darunter?

Eine meiner ersten persönlichen musikalischen Erinnerungen ist mein Klavier spielender Vater und wir Kinder, die zur Musik im Wohnzimmer tanzten – unbeschwert, versunken, ausgelassen der Musik hingegeben. Diese Situation beschreibt meine Herangehensweise zur Musik und war – im Nachhinein betrachtet – möglicherweise eine Art Initialzündung.
Nach Instrumentalunterricht an der Volkshochschule und Musikschule und viel Chorerfahrung habe ich schließlich Musik an der mdw studiert. Prägend dabei waren für mich jene Lehrer/innen, die mich als Mensch gesehen und ernst genommen und den Fokus nicht ausschließlich auf meinen musikalischen Output gerichtet haben. Über die Beziehung zu diesen Menschen, über ihr Vorbild habe ich mein musikalisches Repertoire entwickelt, erweitert, hinterfragt und mich stetig immer wieder ausprobiert. Hartmut Rosa beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch „Resonanz“ für mich treffend als „lebendige Antwortbeziehung“ und „Momente wechselseitiger Begegnung“.
In meinen drei beruflichen Tätigkeiten – als Lehrende an der mdw, als CliniClown und als Musikvermittlerin in Konzerten für junges Publikum – geht es mir um die Beziehung zwischen allen Beteiligten und zwischen Mensch und Musik. Es entsteht dabei ein Resonanzgewebe, in dem wir emotional involviert sind und aneinander wachsen. Auch ich lerne stetig im Tun mit anderen. Bezogen auf eine Konzertsituation bedeutet ein Entzünden des Feuers Musik: Unmittelbarkeit, Hingabe, Versunkenheit und Begeisterung der beteiligten Musiker/innen, um dem Publikum eine Begegnung mit (möglicherweise auch unbekannter und fremder) Musik zu ermöglichen. Die Bedeutsamkeit dieser künstlerischen Begegnungen schafft Tiefe.
Das Anbahnen einer Beziehung zwischen Mensch(en) und Musik kann ein Impuls sein, sich mit der eigenen Lebenswirklichkeit auseinanderzusetzen und sich nicht als Opfer der Umstände zu degradieren. Über Beziehung kann Verbundenheit entstehen. Zwischen Mensch und Musik zu vermitteln, bedeutet, Anknüpfungspunkte zu finden, an denen sich eine Beziehung zwischen beiden Seiten entzünden kann. Eine solche Verbundenheit anzubahnen – ob im Konzert, im Unterricht oder in einer anderen Begegnung – das ist Beziehungskunst!

Die zweite PAPPERLAPAPP-Geschichte ist dem kleinen Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet. Sind „Wunderkinder“ zu beneiden oder zu bedauern?
So sehr auch auf gesellschaftspolitischer Ebene danach gestrebt wird, Menschen in eine „allgemein verdauliche“ Norm zu drängen, so unterschiedlich und individuell sind wir dennoch. Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch Talente und Begabungen hat, die – je nach individueller Lebensgeschichte – mehr oder weniger oder leider manchmal gar nicht zum Tragen kommen. Manchmal braucht es Begleiter/innen, um Stärken zum Leuchten zu bringen. Die intrinsische Motivation, also die innere aus sich selbst entstehende Motivation, lässt Menschen ihre Interessen, ihre Begabungen von sich aus intensivieren. (Hoch-)Begabte Kinder benötigen Weggefährten, die sie achtsam und reflektiert begleiten. Magdalena Bork, die mit Wolfgang Aichinger die Begabtenförderung an der mdw leitet, spricht von der Wichtigkeit der Persönlichkeitsentwicklung und der Entfaltung des ureigenen Potenzials der jungen Menschen.
Es geht nicht darum, Erfolge zu feiern – auch wenn diese dazugehören – doch Erfolge können sich auch verselbstständigen und zum ausschließlichen Ziel und Zweck entwerten. Die eigenen Begabungen zu (er)leben und auszuschöpfen, das sind sinnstiftende Erfahrungen, die uns wachsen lassen.
Wenn ausschließlich das auszuschöpfende Potenzial in den Vordergrund gerückt, zum Projekt wird und der Mensch dahinter nicht nur nicht gesehen, sondern schlicht und einfach vergessen wird, wenn ausschließlich Disziplin die Begabung diktiert und die Freude am eigenen Talent davon überdeckt wird und im schlimmsten Falle verloren geht, dann kommt es zur Sinnkrise und der brennenden Frage: „Was macht mich eigentlich aus?“
Begabungen, die sich zur Berufung entwickeln, können mit Veränderungen und Kritik umgehen ohne sich zwingend selbst als Mensch in Frage stellen zu müssen. Insofern sind Talente ein Geschenk, das es sorgsam zu pflegen und zu entfalten gilt.

Weiterführende Links
https://www.mdw.ac.at/imp/emp/
https://www.mdw.ac.at/imp/musik-im-dialog
https://www.mdw.ac.at/bfmdw/
https://www.mdw.ac.at/mbm/mbe/
https://www.mdw.ac.at/magazin/index.php/2018/04/30/erlebniswelt-musik/
https://www.musikverein.at/magazin/2017/februar/feuer-entfacht-fuer-die-musik
https://www.musikverein.at/suche#!/search-term/agathes%20wunderkoffer

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Veronika Mandl studierte in Wien an der mdw Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik und Instrumentalpädagogik Gitarre, an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, Konzertfach Viola da Gamba. Sie unterrichtet seit 1998 an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien in den Fachbereichen Elementare Musikpädagogik und Musik im Dialog/Musikvermittlung und Community Music. Als Musikvermittlerin konzipiert und inszeniert sie Konzertzyklen für Institutionen wie für den Musikverein Wien, wo sie auch auftritt. Als CliniClown bringt sie Kinder und Erwachsene in Spitälern und Pflegeheimen zum Lachen.